Filme im Kino Traumstern
Die Tatsache, dass es immer weniger Zeitzeugen des Holocaust gibt, wirkt sich zunehmend auf die Erinnerungskultur aus, und findet auch im Kino ihren Niederschlag. Mit einer Reihe neuer, sehr unterschiedlicher Spiel- und Dokumentarfilme soll ein Überblick darüber ermöglicht werden, wie das aktuelle Kino mit Erinne-rungskultur und Geschichte, mit Geschichten und Mythen zu diesem Thema umgeht.
Die Filme stehen in diesem Jahr wieder für Schul- und Sondervorstellungen zur Verfügung.
Unter der Telefonnummer 06404 3810 können im Kino Traumstern Termine für Sondervorstellungen vereinbart werden.
Sofern vorhanden werden auf Wunsch auch Mate-rialien für den Unterricht zur Verfügung gestellt.
LORE
Australien/Deutschland/Großbritannien 2012, Farbe, 100 Min., FSK: ab 16; Regie: Cate Shortland; Drehbuch: Robin Mukherjee; Darsteller: Saskia Rosendahl, Nele Triebs, André Frid, Kai Malina, Ursina Ladi, Hans-Jochen Wagner, Sven Pippig
Manchmal ist der Blick von Außen genauer: Die australische Regisseurin Cate Shortland versetzt sich in die Stimmung und Gefühle der Menschen im Nach-kriegs-Deutschland. LORE erzählt von der Odyssee eines Mädchens und ihrer Geschwister, die den langen Weg vom Schwarzwald zur Großmutter an die Nord-see antreten. Beim Filmfestival in Locarno wurde er 2012 mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.
„Süddeutschland Frühjahr 1945. Während die Natur aus dem Winterschlaf erwacht, ist das Leben für viele Menschen an einem Endpunkt angelangt. Auch für die 15-jährige Lore und ihre Familie. Sie wurde von ihrem Vater, einem ranghoher Nationalsozialisten, in dem Glauben an ein 1000-jähriges Reich erzogen – jetzt liegt Deutschland in Trümmern, und der Vater versteckt die Familie bei einem Bauern im Schwarzwald. Kurz darauf werden er und die Mutter verhaftet. Lore ist mit ihrer Schwester, den Zwillingsbrüdern und dem Säug-ling Peter auf sich allein gestellt. Die Kinder machen sich auf den weiten Weg an die Nordsee, wo die Großmutter auf einer Hallig lebt. Feindseligkeit, Hunger und Angst sind ihre ständigen Begleiter. Unterwegs begegnen sie dem ehemaligen KZ-Häftling Thomas. Er bringt Lores Weltbild endgültig ins Wanken.
Das Drehbuch basiert auf einem Erzählstrang des Romans „Die dunkle Kammer“ von Rachel Seiffert. Cate Shortland ließ sich auch von der Geschichte der deutsch-jüdischen Familie ihres Mannes inspirieren, die Berlin 1936 verlassen musste. Ihr Film überrascht durch eine ganz unmittelbare Intensität und einen un-voreingenommenen Blick auf die Nation die Täter. Vielleicht zahlt sich hier ihre größere Unbefangenheit und innere Distanz aus. Shortland legt viel Wert auf Authentizität. Sie drehte „Lore“ auf Deutsch und verzichtet auf große, computergenerierte Panoramen von zerstörten Städten und Flüchtlingsströmen. Ihr Film hebt sich wohltuend ab von herkömmlichen Kriegs-Dramen, die oft genug auf Schauwerte schielen…“ (Oliver Kaever programmkino.de)
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OMA & BELLA
Deutschland 2012, Farbe, 80 Min., FSK: o. A.
Regie: Alexa Karolinski
OMA & BELLA ist ein Film über zwei jüdische Frauen in Berlin und porträtiert ihre jahrzehntelange Freund-schaft: Die beiden teilen nicht nur eine außergewöhnliche Geschichte, sondern halten diese mit Humor und guter jiddischer Küche lebendig. Der Film begleitet die Freundinnen durch ihren Alltag, beobachtet sie bei ihren täglichen Routinen, lauscht ihren Gesprächen über Herkunft, Identität und Erin-nerung. Dabei zeichnet er die mutige Entscheidung der beiden Holocaust-Überlebenden nach, Deutschland zur Heimat zu machen, sich und ihr Leben in jüdischer Tradition neu zu erfinden. Der Film illustriert, wie es den zwei Holocaust-Überlebenden gelingt, durch die Zubereitung der Gerichte ihrer Kindheit Tradition lebendig zu halten und Erinnerung zu teilen. Essen, so wird deutlich, bedeutet Erinnern, Lieben und Gegen-wart.
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DIE WOHNUNG – HADIRA
Israel/Deutschland 2011, Farbe, 97 Min., FSK: o.A.; Buch und Regie: Arnon Goldfinger; Sprecher der deutschen Fassung: Axel Milberg
Eigentlich will der israelische Dokumentarfilmer Arnon Goldfinger die Wohnungsauflösung seiner verstorbenen Großmutter in Tel Aviv mit der Kamera begleiten, bevor ihre Welt für immer verschwindet. Aber dabei stößt er auf eine unglaubliche Geschichte, die erklärt, warum in seiner Familie nie über die Vergangenheit gesprochen wurde: Seine jüdischen Großeltern waren eng mit einer Nazi-Familie befreundet. Daraus entsteht eine ebenso spannende wie zutiefst bewegende Detektiv-Geschichte.
„In den frühen 30er-Jahren mussten Gerda Tuchler und ihr Mann Kurt ihr geliebtes Deutschland verlassen und in das damalige Palästina fliehen. 70 Jahre lang lebten sie in einer Wohnung, die für den Enkel Arnon aussah wie Berlin: deutsche Bücher in den Regalen, deutsches Porzellan in den Schränken. Gesprochen wurde Englisch, denn Gerda hatte nie Hebräisch gelernt. Als sie mit 98 Jahren stirbt, hinterlässt sie Berge von Briefen, Fotos, Karten und Dokumenten, denn Gerda warf nie etwas weg. Inmitten der Papiermengen stößt Arnon auf Korrespondenz und Fotos, die darauf hinweisen, dass die Tuchlers mit der Familie des SS-Offiziers Leopold von Mildenstein nach Palästina reisten und auch sonst ihre Freizeit mit ihnen verbrachten. Noch unglaublicher: Die Freundschaft überdauerte auch den Krieg. Arnon Goldfinger geht mit seiner Mutter in Deutschland auf Spurensuche…
(Oliver Kaever, programmkino.de)
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DER DEUTSCHE FREUND – EL AMIGO ALEMÁN
Deutschland, Argentinien 2012, Farbe, 104 Min.
Regie: Jeanine Meerapfel; Darsteller: Celeste Cid, Max Riemelt, Benjamin Sadler, Julieta Vetrano, Juan Francisco Rey, Noemi Frenkel, Jean-Pierre Noher, Katja Alemann
In ihrem neuen Kinofilm erzählt Jeanine Meerapfel die Geschichte einer großen Liebe zwischen politischen Umbrüchen und historischem Wandel. Sulamit (Celeste Cid), Tochter jüdischer Emigranten aus Deutschland, wächst im Buenos Aires der 50er Jahre auf. In unmittelbarer Nachbarschaft leben hier Juden und Nazis, aus Europa geflohen und in der Fremde erneut zusammengeworfen. Als junges Mädchen trifft Sulamit auf Friedrich (Max Riemelt), einen deutschen Jungen, der mit seiner Familie im Haus direkt gegenüber wohnt. Zwischen den beiden entsteht schon bald eine ungewöhnliche Nähe. Als Friedrich erkennt, dass sein Vater ein SS-Obersturmbannführer war, bricht er mit seiner Familie und geht nach Deutschland, um sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen.
Bald wird er sich der deutschen Studentenbewegung voller Innbrunst anschließen. Sulamit folgt ihm wenige Jahre später und muss feststellen, dass sein politisches Engagement keinen Raum für ihre Liebe lässt. Sulamit studiert, arbeitet später als Übersetzerin und beginnt eine Beziehung mit Michael (Benjamin Sadler), der sie liebt und ihr hilft. Doch ihr Herz hängt an Friedrich. Als der Deutschland verlässt, um sich einer argentinischen Guerillabewegung anzuschließen, bricht der Kontakt ab und Friedrich verschwindet spurlos. Sulamit begibt sich auf eine Suche, die sie bis ins Herz Patagoniens führt.
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THE OTHER EUROPEANS IN: DER ZERBROCHENE KLANG
Deutschland 2011, Farbe, 122 Min., OmU; Regie: Yvonne Andrä, Wolfgang Andrä; mit Alan Bern, Mark Rubin, Marin Bunea, Kálmán Balogh, Dan Blacksberg, Matt Darriau, Paul Brody, Christian Dawid
Bessarabien, das heutige Moldawien, Anfang des 20. Jahrhunderts: Jüdische und Roma-Musikerfamilien leben zusammen, heiraten untereinander und musizieren gemeinsam. Die jüdischen Klezmer- und die Roma-Lautarmusiker formten eine einzigartige Musikkultur.
Bis der Zweite Weltkrieg sie gewaltsam voneinander trennt. 70 Jahre später hat ihre Musik nur noch wenig miteinander gemein. Deshalb gehen 14 Musiker aus Europa und den USA, darunter Juden und Roma, auf eine von der EU geförderte Suche zu ihren musikalischen Wurzeln.
Vier der Musiker (Alan Bern, Mark Rubin, Marin Bunea, Kálmán Balogh) begleitet der Film auch parallel in ihrem Alltag und verbindet so die gemeinsame musikalische Forschungsreise mit den unterschiedlichen Lebenswelten der vier Protagonisten.
„Eine so vielseitige wie genaue Spurensuche ist dieser Film, der als Roadmovie quer durch Europa über Israel bis in die USA führt. Dabei erschließt sich einem, wie viel diese Musikethnologie doch mit den historischen und politischen Fragen unserer Zeit zu tun hat. Alan Bern ist am Ende jedoch zufrieden. Alle gingen in einem Klang auf, und doch war jeder für sich hör- und sichtbar.“ (FR)
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